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Zoonoses 2022 – ein Plädoyer für One Health

Die Coronavirus-Pandemie, die weltweite Verbreitung der Affenpocken oder der aktuelle Ebola-Ausbruch in Uganda – Zoonosen sind und bleiben ein wichtiges Gesundheitsthema. Vor diesem Hintergrund fand vom 05. bis zum 07. Oktober 2022 das Symposium der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen in Berlin statt. Mit 350 Teilnehmenden aus 12 Nationen konnte die Veranstaltung bei ihrer Rückkehr in die Hauptstadt nach zwei Corona-bedingten Onlineaustragungen wieder zahlreiche Zoonosenforscher:innen zusammenbringen. Während der 3-tägigen Veranstaltung wurden neueste Ergebnisse aus der Zoonosenforschung in Vorträgen und Posterbeiträgen präsentiert. Der wissenschaftliche Nachwuchs überzeugte mit kreativen Beiträgen im Poster Slam. Die fünf hochkarätigen, internationalen Keynote-Vorträge standen 2022 alle unter dem Leitthema „One Health“. Ein Ansatz, der sich in vielen der vorgestellten Forschungsarbeiten wiederfand, und den interdisziplinären und zukunftsweisenden Charakter der Zoonosenforschung unterstreicht.

Die Nationale Forschungsplattform für Zoonosen richtet jährlich ein Symposium für den fachlichen Austausch zwischen Zoonosenforscher:innen aus. Dieses findet seit 2009 in Berlin statt (lediglich 2020 und 2021 machte SARS-CoV-2 eine Ausnahme notwendig). Im Grußwort der Bundesministerien zur Eröffnung von „Zoonoses 2022“, welches Oberstarzt Professor Dr. Roman Wölfel stellvertretend für BMBF, BMEL, BMVg und BMG hielt, waren die Bewältigung der aktuellen Pandemie sowie die Vorbeugung neuer Gesundheitsrisiken durch zoonotische Erreger wichtige Themen. In Hinblick auf „One Health-Herausforderungen“ betonte Prof. Wölfl die Wichtigkeit bestehender Kooperationen und Netzwerke in der Forschung, wie sie beispielsweise die Zoonosenplattform geschaffen hat.

Große Themenbreite

Veranstaltungsort des Symposiums war in diesem Jahr erstmalig das MOA Berlin. Die Irritation über den neuen Veranstaltungsort verschwand spätestens bei der ersten Kaffeepause im lichtdurchfluteten Atrium, welches den über 100 Posterbeiträgen eine würdige Kulisse bot. Neben den Posterbeiträgen wurden neue Ergebnisse aus der Zoonosenforschung zudem in kurzen Fachvorträgen in 11 verschiedenen thematischen Session präsentiert. Die Themen erstreckten sich hier von molekularen Pathogen-Zell-Interaktionen bis hin zu Public Health-Interventionsansätzen.

AtriumAbb. 1: Das Atrium, Ort der Posterausstellung und des Buffets, bot den idealen Raum zum fachlichen Austausch und zum Netzwerken.

Kreativität und beste Unterhaltung beim Poster Slam

Ein Highlight war erneut der Poster Slam, in dem Nachwuchswissenschaftler:innen ihre Arbeiten anhand eines einminütigen Videos vorstellten. Im Posterpreis wurden die besten drei Beiträge ausgezeichnet. Mareike Heinig von der Stiftung Tierärztliche Hochschule (TiHo) Hannover konnte sich mit ihrem Beitrag über die Untersuchung verschiedener Transmissionsrouten des Culex Y-Virus in Culex pipiens Stechmücken gegen die Konkurrenz durchsetzen (Interview mit der Erstplatzierten). Platz zwei ging an Jesica Kohs (Friedrich-Loffler-Institut), Platz drei an Anna-Delia Herbstmann (Bundesinstitut für Risikobewertung) (zum Posterpreis 2022). Als kleine Herausforderung gestaltete sich dann noch die Preisübergabe: Da Frau Heinig ihren Zug zurück nach Hannover bekommen musste, war sie zur Preisübergabe leider nicht mehr anwesend. Glücklicherweise fand sich unten den verbliebenden Teilnehmenden ein vertrauensvoller Bote, der den Posterpreis sicher an die Gewinnerin in Hannover übergeben konnte.

PosterAward_Part1

Abb. 2: Preisübergabe Teil 1 - Platz zwei und drei konnten vor Ort von Prof. Dr. Stephan Ludwig (Mitte) an Jessica Kohs (links) und Anna-Delia Herbstmann (rechts) übergeben werden.

PosterAward_Part2

Abb. 3: Preisübergabe Teil 2 - Prof. Dr. Lothar Kreienbrock (links) übergab den 1. Platz des Posterpreises 2022 an die Gewinnerin Mareike Heinig (rechts) in Hannover, da die Preisträgerin bereits vor der Posterpreisübergabe das Symposium in Berlin verlassen musste.

Young Scientist Breakfast table

Abb. 4: Gute Rahmenbedingungen für einen entspannten Austausch – das Young Scientist Breakfast bot die Möglichkeit für einen Erfahrungsaustausch über Karrierestufen hinweg.

Erfahrungsaustausch in entspannter Atmosphäre

Im Mittelpunkt stand der wissenschaftliche Nachwuchs ebenfalls beim Young Scientist Breakfast. Das Format ermöglichte es jungen Wissenschaftler:innen etablierte Zoonosenforscher:innen bei einem gemeinsamen Frühstück mit Fragen zu ihrer Karriere und zu ihrer Forschung zu löchern.  In 2022 standen hier Prof. Dr. Elke Hertig (Universität Augsburg), Prof. Dr. André Karch (Universität Münster), Prof. Dr. Fabian Leendertz (Helmholtz Institut für One Health) und Prof. Dr. Katharina Schaufler Frage und Antwort. Bei dieser geballten Expertise kam höchstens das Essen zu kurz, da das üppige Buffetangebot häufig zu Gunsten der spannenden Gespräche vernachlässigt wurde.

Ein Plädoyer für One Health

Die Keynote Vorträge standen 2022 alle unter dem Leitthema One Health. Den Auftakt machte Thomas Gillespie (EMORY University), welcher über die Zusammenhänge von Biodiversität und Gesundheit sprach und auf die Ökologie von Infektionen an anthropogenen Grenzflächen einging. Er wies darauf hin, dass die Zerstörung von Ökosystemen einen Effekt auf das Vorkommen von Pathogenen habe und dass die Gefahr durch neuauftretende Erreger hoch sei, wenn wir die globalen Veränderungen in der Landnutzung nicht stoppen würden. Die enge Verzahnung einzelner Systeme dürfe nicht vernachlässigt werden und synergistische Lösungen zum Erreichen der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) müssten langfristig angestrebt werden.

Mit diesem Plädoyer für One Health war er auf einer Linie mit Osman A. Dar (UK Health Security Agency & Royal Institute of International Affairs), welcher als Mitglied des One Health High Level Expert Panel (OHHLEP) von WHO, FAO, WAOH und UNEP, maßgeblich mit an der Erarbeitung einer umfassenden Definition von One Health beteiligt war. Ein wichtiger Schritt, denn, wie Herr Dar in seinem Vortrag verdeutlichte, ist eine gemeinsame Sprache der Schlüssel für erfolgreiche Kooperationen. Zudem appellierte er dafür, Gleichberechtigung und Teilhabe voranzubringen, damit nicht nur reiche Länder die Entscheidungen treffen.

Zoonoses 2022 Audience

Abb. 5: Mit großem Interesse verfolgten die über 350 Teilnehmer:innen von Zoonoses 2022 unter anderem die Keynote-Vorträge.

K_Levy Zoonoses2022

Abb. 6: Karen Levy verstand es das Publikum mit ihrem Vortrag bei Zoonosen 2022 zu begeistern, auch wenn ihr Thema „Durchfallerkrankungen“ nicht ganz so sexy war.

Der Mehrwert von One Health in der Zoonosenforschung

Während diese zwei Keynote-Vorträge damit einen allgemeinen Rahmen für One Health-Ansätze und Prozesse setzten, gingen die anderen Keynote-Rednerinnen auf spezifische Fragestellungen ein, bei denen One Health-Ansätze sinnvoll sein können. Marc Holmes (University of Cambridge) stellte spannende Forschungsergebnisse zu einem zoonotischen Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA)-Stamm vor, der ein abweichendes mecA-Gen kodiert. André Karch (Universität Münster) erörterte wie Modellierungen von Infektionskrankheiten hilfreich sein können und berichtete über erste Ansätze, bei denen Umwelt- und veterinärmedizinische Daten in humanmedizinische Modelle mit einbezogen werden. Über einen ganz anderen Aspekt der Zoonosenforschung sprach Karen Levy (University of Washington), die darüber berichtete, wie wichtig ganzheitliche Konzepte in der Bekämpfung von (zoonotischen) Durchfallerkrankungen sind.  Der WASH (Water, Sanitation & Hygiene)-Sektor müsse zukünftig mit der Landwirtschaft, Veterinärmedizin, sowie mit dem Lebensmittelbereich in der Erarbeitung von Interventionsstrategien zusammenarbeiten. Zoonotische Transmissionsrouten dürften keinesfalls außer Acht gelassen werden.

Gute Aussichten für die vernetzte Zoonosenforschung

Neben dem fachlichen Austausch konnte die Zoonosenforschung auch von strukturellen Weichenstellungen während des Symposiums profitieren. Am zweiten Tag der Veranstaltung wurde die gemeinsame Forschungsvereinbarung von sechs Ressorts (BMBF, BMEL, BMG, BMVg, BMUV, BMZ) bekanntgegeben, um den One-Health-Ansatz in der Gesundheitsforschung zu stärken. Im Zuge dessen soll  „die erfolgreiche Forschungsplattform für Zoonosen zu einer Forschungsplattform für One Health“ weiterentwickelt werden. Bei dieser Weiterentwicklung wird auch der neue Interne Beirat der Zoonosenplattform aktiv eingebunden, der  bei der Mitgliederversammlung für das nächste Amtsjahr gewählt wurde (siehe Interner Beirat).

Interner Beirat 2022/23

Abb. 7: Mitglieder des auf dem Symposiums 2022 neu gewählten Internen Beirats der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen.

Zoonoses 2022 war ein intensiver Austausch der interdisziplinären Zoonosenforschungscommunity. Die präsentierten Forschungsergebnisse zeigten, dass sich die thematische Breite bereits weiterentwickelt hat und dass auch Umweltthemen immer mehr Beachtung in der Zoonosenforschung finden. Mit Rückendeckung der neuen Forschungsvereinbarung zu One Health von sechs Bundesministerien kann die Zoonosenforschung langfristig weiterentwickelt und gefördert werden. Gute Voraussetzungen um die Herausforderungen durch zoonotische Erkrankungen nachhaltig adressieren zu können.

Text: Dr. Dana A. Thal, Nationale Forschungsplattform für Zoonosen

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