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Zecken und ihre Mitbringsel: Rekordwert an FSME-Fällen in 2020

Eigentlich sind Spaziergänge an der frischen Luft in der Natur etwas Gutes und gerade im Lockdown haben viele Menschen das Spaziergehen wieder für sich entdeckt. Leider lauern in der Natur jedoch auch Zecken, welche als Überträger der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) fungieren können. In 2020 war die Zahl gemeldeter FSME-Fälle in Deutschland so hoch wie noch nie.

Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) ist eine durch Zecken übertragene Erkrankung, die bei den meisten Menschen keine oder nur milde Symptome verursacht (ca. 70 bis 95%). Bei einigen kann es jedoch zu neurologischen Manifestationen der FSME (Meningitis, Enzephalitis, Myelitis) kommen. In diesen seltenen schweren Verläufen besteht die Gefahr von bleibenden neurologischen Ausfällen. Bei ca. 1% der schwer Betroffenen kann die Erkrankung tödlich verlaufen. Ausgelöst wird die FSME durch ein Virus. Die FSME-Viren können durch einen Zeckenstich in die Blutbahn des Menschen gelangen, sich im Körper vermehren und so die Erkrankung auslösen. (Nähere Informationen zum Virus finden Sie in unserer Rubrik „Zoonose des Monats“.)

Die Zahlen gemeldeter FSME-Fälle bei Menschen in Deutschland schwankten in den vergangenen Jahren meist zwischen 200 und 600 Fällen pro Jahr. In 2020 war die Zahl jedoch mit 748 gemeldeten Fällen so hoch wie noch nie in den letzten Jahren (siehe Abb. 1).

FSME Fälle DE

Abb. 1: gemeldete FSME-Fälle in Deutschland für die Jahre 2001 bis 2020, Quelle: Robert Koch-Institut

Wie kam es zu dieser hohen Fallzahl in 2020 und wie kann man sich vor einer Infektion schützen? Über diese Fragen sprachen wir mit Prof. Dr. Gerhard Dobler, Mitglied des Internen Beirats der Zoonosenplattform und Leiter der Abteilung für Virologie und Rickettsiologie am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München.

Herr Dobler, welche Faktoren haben Ihrer Meinung nach dazu geführt, dass im letzten Jahr eine so hohe Zahl an FSME-Erkrankungen gemeldet wurden?

Dobler: Im Jahr 2020 sind eine Reihe ungünstiger Faktoren zusammengekommen: Zum einen hatten wir hohe Zeckenpopulationen im Frühjahr. Dies fiel zusammen mit dem Umstand, dass anscheinend viel FSME-Virus in den Zecken vorhanden gewesen zu sein scheint. Zu guter Letzt sind dann auch noch die Menschen durch den Lockdown gerade zur Zeit der höchsten Zeckenaktivität (Mai, Juni) sehr viel in der Natur unterwegs gewesen und haben sich dort exponiert. Spazierengehen in der Natur erhöht den Kontakt mit der Natur und damit mit Zecken. Das führt zu einem erhöhten Infektionsrisiko. Wir gehen davon aus, dass dies ein wichtiger Grund für die hohen Infektionszahlen im letzten Jahr war.

In welchen Gebieten kann ich mich mit FSME infizieren? Kommt das FSME-Virus überall in Deutschland vor? 

Dobler: Die FSME kommt im gesamten süddeutschen Raum (Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen, Sachsen, Teile Hessens) in einer erhöhten Aktivität vor. Einzelne Fälle treten auch in den anderen Bundesländern auf (siehe auch Karte der FSME-Risikogebiete in Deutschland des Robert Koch-Instituts). Ich spreche hier von einer niedrigen Aktivität des FSME-Virus. Ich denke nicht, dass es in Deutschland eine Region gibt, von der man sagen könne, sie sei garantiert FSME-frei.

Neben der FSME ist die Borreliose eine weiter durch Zecken übertragene Erkrankung. Korrelieren die Anzahl gemeldeter FSME und Borreliose Fälle in Deutschland miteinander?

Dobler: Für die Borreliose liegen uns leider nur unvollständige Zahlen vor. Viele Borreliosen werden nicht mikrobiologisch, sondern klinisch diagnostiziert. Da gibt es immer eine gewisse Unsicherheit. Für die FSME besitzen wir im Gegensatz dazu sehr verlässliche Zahlen. Im letzten Jahr haben auch die Meldungen für Borreliose in Süddeutschland deutlich zugenommen. Das heißt es gibt hier über den Vektor, die Zecke, sicher einen Zusammenhang in der Zahl der Infektionen.

BirkenwaldAbb. 2: Spaziergänge in der Natur sind eine beliebte Freizeitaktivität. Den Schutz vor Zeckenstichen sollte man dabei jedoch nicht vergessen.

Wie schütze ich mich am besten vor einer Infektion?

Dobler: Wichtig ist, dass man sich bewusst ist, dass die Zecken überall in der Natur vorkommen. Beim Aufenthalt in der Natur empfehlen wir lange helle Hosen mit den Beinen in den Strümpfen zu tragen, um den Zecken möglichst wenig Angriffsfläche auf der Haut zu bieten. Auf hellen Stoffen können die dunklen Zecken sehr gut erkannt und noch entfernt werden bevor sie die Haut erreichen. Nach dem Aufenthalt in der Natur sollte man sich sorgfältig auf Zecken absuchen, da Zecken häufig über mehrere Stunden auf der Haut nach einer geeigneten Stichstelle suchen. Im Fall eines Zeckenstichs sollte man die Zecke sofort entfernen. Die Stichstelle sollte dann über mehrere Wochen beobachtet werden und im Fall des Auftretens eines roten Flecks der Arzt aufgesucht werden. In den vom Robert Koch-Institut benannten Risiko-Landkreisen wird eine FSME-Impfung allen Personen empfohlen, die sich in der Natur aufhalten. Außerhalb der bekannten FSME-Risikogebiete sollte je nach individuellem Risiko vom Arzt bei erhöhtem Risiko oder Reiserisiko eine FSME-Impfung durchgeführt werden.

 

Interview: Dr. Dana Thal, Nationale Forschungsplattform für Zoonosen

Weiterführende Links:

Zoonose des Monats Februar 2020 – FSME

Informationen des Robert Koch-Instituts zu FSME

Karte der FSME-Risikogebiete in Deutschland des Robert Koch-Instituts

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