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Herkunft unbekannt – weitere Studien nötig um SARS-CoV-2 Ursprung zu finden

Anfang 2021 war eine durch die WHO berufene Kommission aus internationalen Expert*innen in Wuhan, um den Ursprung von SARS-CoV-2 genauer zu untersuchen. Erste Ergebnisse hat die WHO in einem Bericht am 30. März 2021 veröffentlicht.

Seitdem sich im Dezember 2019 in der chinesischen Stadt Wuhan Lungenleiden mit unbekannter Ursache häuften, ist viel geschehen. Mittlerweile kennen wir die Ursache, das Coronavirus SARS-CoV-2, und seine potentiell tödliche Wirkung auf den menschlichen Organismus. Nicht einmal ein Jahr später standen bereits die ersten Impfstoffe gegen den neuen Erreger zur Verfügung. Währenddessen bleibt der Ursprung des Erregers weiterhin unbekannt. Dabei ist es im Sinne des One Health-Gedankens durchaus wichtig, diesem auf dem Grund zu gehen. Denn nur so können Reservoire des Erregers identifiziert werden und mögliche weitere Übertragungen auf Tiere und Menschen verhindert werden.

Karte Wuhan

Die Stadt Wuhan liegt in der chinesischen Provinz Hubei. Hier wurden die ersten COVID-19 Fälle gemeldet. Karte: Google Maps

Im Mai 2020 einigten sich WHO, FAO und OIE in einer Resolution auf eine gemeinsame Aufklärung des Pandemieursprungs. Vom 14. Januar bis zum 10. Februar 2021 hatte ein internationales Team die Möglichkeit, sich einen Eindruck vor Ort in Wuhan zu verschaffen. Der Fokus ihrer Untersuchungen lag auf den epidemiologischen Daten, den Tier- und Umweltdaten sowie auf der molekularen Epidemiologie und deren bioinformatischen Auswertung. Am 30. März 2021 veröffentlichte die WHO einen ersten Bericht mit den vorläufigen Ergebnissen der Untersuchungen.

Die epidemiologische Auswertung zahlreicher Patientendaten ergab einen sichtbaren Anstieg an Lungenleiden in Wuhan in den ersten Wochen 2020. Ein bis zwei Wochen später war eine Verbreitung in weitere Teile der umgebenen Hubei Provinz zu beobachten. Dies deutet darauf hin, dass Wuhan als erste Infektionsquelle fungierte und sich die Erkrankung dann von dort ausbreitete. Vor dem Dezember 2019 konnten keine COVID-19 Fälle gefunden werden. Allerdings ist es denkbar, dass milde Verläufe sowie kleinere Ausbruchsgeschehen vor dem Dezember 2019 schlicht übersehen worden sind. Dies soll mit serologischen Studien an Blutspenden weiter untersucht werden. Die Rolle des Huanan Marktes, einem Lebensmittelmarkt in Wuhan, bei der Verbreitung des Erregers konnte mit den epidemiologischen Daten nicht eindeutig geklärt werden, da nicht alle frühen Fälle mit dem Lebensmittelmarkt in Verbindung gebracht werden konnten.

Die molekulare Untersuchung der ersten Patientenproben ließ einige Übertragungscluster erkennen. Allerdings war bereits bei diesen frühen Infektionen eine Diversität in den Sequenzen der Virusgenome zu erkennen, was auf weitere unentdeckte Übertragungsketten hinweist. Den ersten gemeinsamen Vorfahren aller dieser Viren datieren die Expert*innen auf Ende September 2019 bis Anfang Dezember 2019. Studien, die bereits vorher eine Zirkulation des Erregers in anderen Regionen der Welt nachgewiesen haben wollen, seien aufgrund qualitativer Mängel schwer zu bewerten. Hier sind weitere Untersuchungen nötig. In genomischen Daten von Tieren konnte kein eindeutiger Vorläufer von SARS-CoV-2 gefunden werden. Die nächsten Verwandten des Virus fanden sich in Schuppentieren und in Fledermäusen. 

genomic epidemiology SARS-CoV-2

Genomische Diversität sequenzierter SARS-CoV-2 Varianten weltweit zwischen Dezember 2019 und März 2021. Quelle: Nextstrain

Im Rahmen der Untersuchungen wurden Proben von mehr als 80.000 Wild- und Nutztieren aus 31 chinesischen Provinzen ausgewertet. In keiner der Proben konnten SARS-CoV-2 spezifische Antikörper oder RNA gefunden werden. Gleiches galt auch für Tierproben, die auf dem Huanan Markt sichergestellt worden waren. Allerdings konnten hier mit dem Virus kontaminierte Oberflächen gefunden werden. Ob diese Kontamination von Tieren, Menschen oder Tierprodukten verursacht wurden, bleibt jedoch ungewiss. Mittlerweile konnte gezeigt werden, dass SARS-CoV-2 auch in gekühlten Produkten infektiös bleiben kann. Da dies Anfang 2020 noch nicht bekannt war, gibt es aber keinerlei Probenmaterial von gekühlten oder gefrorenen Produkten, die zum Zeitpunkt der Infektionen auf dem Markt verkauft wurden. Dies stellt eine mögliche Übertragungsroute dar, die weiter untersucht werden muss.

Der Bericht kommt zu dem Fazit, dass weitere Untersuchungen notwendig sind, um den Ursprung von SARS-CoV-2 zu ermitteln. Diese Untersuchungen sollten Warenströme, weitere Lebensmittelmärkte in Wuhan, empfängliche Nutztiere sowie Menschen mit einem erhöhten Expositionsrisiko gegenüber Tieren und gekühlten tierischen Produkten mit einfassen. Zudem seien mehr Wildtierproben aus Asien nötig, vor allem von Fledermäusen aus der Familie der Hufeisennasen (Rhinolophidae).

Die Expertenkomission geht von vier verschiedenen möglichen Szenarien für den Eintrag des Virus in die menschliche Population aus. Als wahrscheinlichstes Szenario sieht sie die indirekte zoonotische Übertragung über einen Zwischenwirt auf den Menschen an. Aber auch eine direkte zoonotische Übertragung auf den Menschen sei möglich. Als weniger wahrscheinlich stuft sie den Eintrag über (gekühlte) Lebensmittelketten ein. Das unwahrscheinlichste Szenario ist aus Sicht des Berichtes ein Eintrag über einen Laborvorfall.

So viel wir über das Virus in den letzten Monaten gelernt haben, so unklar ist noch immer, wo es herkam. Der Bericht der WHO zeigt, wie komplex die Suche nach dem Ursprung des Virus ist. Dieses Wissen könnte uns jedoch dabei helfen, zukünftige zoonotische Übertragungen zu verhindern und Pandemien präventiv entgegen zu wirken. Um hier weiter zu kommen, ist eine internationale Zusammenarbeit unablässig. Es bleibt zu hoffen, dass die weiterführenden Studien der WHO neue Erkenntnisse liefern werden.

Text: Dr. Dana Thal, Nationale Forschungsplattform für Zoonosen

 

Zum Bericht der WHO

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