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COVID-19 Forschung in Deutschland – ein vielversprechendes Medikament aus Tübingen

Medikamente COVID-19

Auch in Deutschland läuft die Suche nach geeigneten Medikamenten zur Behandlung von COVID-19 Patienten auf Hochtouren. Ein Wirkstoff, der sich in ersten Studien bewähren konnte und nun bald an Patienten erprobt werden soll, kommt von einem Forschungsunternehmen in Tübingen, der Atriva Therapeutics GmbH. Das 2015 gegründete Unternehmen hat sich auf die Entwicklung von antiviralen Therapien bei schweren respiratorischen Erkrankungen, wie Influenza oder COVID-19 spezialisiert. Vorsitzender des Beirats der Firma ist der Leiter des Münsteraner Standortes der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen, Prof. Dr. Stephan Ludwig. Mit ihm haben wir über den vielversprechenden Wirkstoffkandidaten der Firma, ATR-002, gesprochen.

Prof. Ludwig, Sie forschen eigentlich an Influenzaviren. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass ein ursprünglich gegen das Influenzavirus entwickelter Wirkstoff auch gegen das neue Coronavirus wirken könnte?

Ludwig: Unser Wirkstoffansatz bei Influenza fokussiert nicht auf das Virus selbst, sondern auf einen Faktor in den infizierten Zellen, den das Virus für seine Vermehrung braucht. Grippe- und Coronaviren gehören beide zur Gruppe der RNA-Viren und es gab aus der Literatur schon erste Hinweise darauf, dass auch Coronaviren von dem gleichen zellulären Faktor wie Influenzaviren abhängig sind. Dies hat sich dann in unseren jüngsten Experimenten in der Tat für SARS-CoV-2 bestätigt.

Was genau bewirkt ATR-002?

Ludwig: Das interessante bei unserem Wirkstoff ist, dass er nicht nur antiviral gegen die Vermehrung der SARS-CoV-2 Viren wirkt, sondern auch vermeidet, dass das Immunsystem außer Kontrolle gerät.  Diese überschießende Immunantwort ist gerade in den späten Phasen maßgeblich für die Schwere der Covid-19 Erkrankung.

 

"ATR-002 kann mit seinem zweifachen Wirkmechanismus prinzipiell über den gesamten Verlauf der Erkrankung hilfreich sein"

 

In welchem Stadium der Erkrankung könnte ATR-002 zum Einsatz kommen? Welchen Patienten könnte das Medikament helfen?

Ludwig: Da in den frühen Phasen der Erkrankung das Virus selbst eine Rolle spielt, aber in den späten Phasen, wenn der Patient sehr schwer erkrankt ist, hauptsächlich das deregulierte Immunsystem für die starken Symptome verantwortlich ist, kann ATR-002 mit seinem zweifachen Wirkmechanismus prinzipiell über den gesamten Verlauf der Erkrankung hilfreich sein.  Den größten Benefit erreicht man allerdings in intermediären Phasen, wenn wir sowohl noch das Virus bekämpfen müssen, als auch dafür sorgen müssen, dass das Immunsystem nicht entgleist.

Bei vielen Krankheiten besteht eine Therapie aus einer Kombination verschiedener Wirkstoffe. Wäre das bei ATR-002 genauso?

Ludwig: Im Grunde haben wir es bei ATR-002 wegen seiner dualen Wirkweise ja gewissermaßen schon mit einer Kombination von antiviralem Wirkstoff und Immunmodulator zu tun. Aber natürlich könnte man sich eine weitere Kombination, beispielsweise mit Präparaten, die direkt das Virus angreifen, wie Remdesivir, gut vorstellen. Generell gehört aus meiner Sicht der Kombination von Wirkstoffen gegen Viren die Zukunft. Das beste Beispiel ist hier HIV, wo man ja einen ganzen Cocktail von Wirkstoffen benutzt, um Resistenzen zu vermeiden.

Der Wirkstoff hat schon erfolgreich die ersten Phasen der Testung durchlaufen. Nun soll seine Wirksamkeit in einer klinischen Phase II-Studie bei stationär behandelten Patienten mit mittelschwerem Covid-19 nachgewiesen werden. Wie genau ist so eine Studie aufgebaut?

Ludwig: Wir werden hier mit einem unabhängigen Studienzentrum zusammenarbeiten, dass die Planung und Durchführung der Studie in der Hand hat. Das Ganze wird so ablaufen, dass unser Präparat bei mittelschwer erkrankten Patienten in verschiedenen Partnerkrankenhäusern eingesetzt wird und die Auswirkungen auf Viruslast, Krankheitssymptome und Verlauf der Erkrankung genau aufgezeichnet wird.

Wird ATR-002 nur an Patienten in Deutschland getestet werden oder weltweit?

Ludwig: Da die Covid-19 Pandemie in Deutschland gerade abflacht und somit voraussichtlich (und glücklicherweise) hier nur noch relativ wenige Patienten in die Kliniken kommen, werden wir wohl auch mit Krankenhäusern in anderen Ländern zusammenarbeiten.

Wie lange wird die klinische Erprobung dauern?

Ludwig: Wenn alles optimal läuft, können wir bereits Ende Juli/Anfang August mit der Studie beginnen und dann im Frühjahr 2021 mit den Ergebnissen rechnen. Wenn diese positiv sind, könnte dann unter besonderen Voraussetzungen schon ein klinischer Einsatz des Medikaments in 2021 möglich sein.

Dank erfolgreicher Präventions- und Eindämmungsmaßnahmen ist die Anzahl der Covid-19 Patienten in Deutschland rückläufig, aber in anderen Ländern sind die Fallzahlen nach wie vor groß. Am Beispiel von Remdesivir kann man sehen, wie herausfordernd eine Steigerung der Produktionsmenge sein kann. Ist es realistisch anzunehmen, dass eine industrielle Produktion des Wirkstoffes im großen Maßstab am Ende umgesetzt werden kann, um eine globale Nachfrage zu decken?

Ludwig: Natürlich braucht eine industrielle Wirkstoffsynthese in so großem Stil seine Zeit, allerdings ist der Wirkstoff selbst nicht sehr kompliziert herzustellen. Wir brauchen dann aber in jedem Fall einen großen Pharmapartner, der solche Produktionskapazitäten darstellen kann.

 

"Eine sehr schöne Erfahrung in der Krise ist, dass man sich in der Wissenschaftscommunity extrem offen austauscht und sich gegenseitig hilft."

 

Momentan forschen sehr viele Unternehmen und Wissenschaftler*innen weltweit an möglichen Medikamenten gegen SARS-CoV-2. Findet hier ein Austausch oder ein koordiniertes gemeinsames Vorgehen auf irgendeine Art statt?

Ludwig: Eine sehr schöne Erfahrung in der Krise ist, dass man sich in der Wissenschaftscommunity extrem offen austauscht und sich gegenseitig hilft. Auf der Ebene von Unternehmen sieht das natürlich schon ein bisschen anders aus, da hier natürlich eine große Konkurrenz herrscht. Es gibt derzeit global weit über 100 verschiedene Ansätze, ein Medikament gegen Covid-19 zu entwickeln. Daher glaube ich kaum, dass ein einzelner Wirkstoff am Ende das Rennen macht, sondern dass wir verschiedene Wirkstoffe haben werden, die dann je nach Phase der Erkrankung und eventuell auch in Kombination eingesetzt werden.

              Stephan Ludwig

 

Prof. Dr. Stephan Ludwig ist Leiter des Instituts für Virologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und fungiert somit auch als Leiter des dortigen Standortes der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen. Als Vorsitzender des Beirats der Firma Atriva Therapeutics GmbH ist er direkt an der Entwicklung eines COVID-19-Medikaments beteiligt.

"Nur durch einen interdisziplinären Ansatz - [...] - können wir den Herausforderungen durch zoontische Erreger effektiv begegnen."

 

In ihrem Fachgebiet, den Influenzaviren, gibt es Viren, die sowohl für Menschen als auch für Tiere eine Gesundheitsgefahr darstellen können. Das gleiche gilt für Coronaviren. Glauben Sie, dass eine stärkere Vernetzung von Human- und Veterinärmedizin die Medikamenten- und Impfstoffentwicklung insbesondere für zoonotische Erreger beschleunigen könnte?

Ludwig: Sie sehen in mir einen glühenden Verfechter der Forschungsvernetzung zu zoonotischen Infektionskrankheiten. Nur durch einen interdisziplinären Ansatz - und hier spreche ich nicht nur von Human- und Veterinärmedizin, sondern auch von Fächern wie Immunologie, Biologie, Ökologie oder Geographie - können wir den Herausforderungen durch zoontische Erreger effektiv begegnen.

Das Beispiel ihres Wirkstoffes zeigt, dass eine Zusammenarbeit verschiedener Forschungsbereiche, wie in diesem Fall die Influenza- und die Coronavirus-Forschung, zu vielversprechenden Resultaten führen kann. Findet diese interdisziplinäre Zusammenarbeit Ihrer Meinung nach bereits im ausreichende Maße statt bzw. was sollte in Ihren Augen unternommen werden, um den Wissenstransfer über Fachgebiete hinweg weiter zu fördern?

Ludwig: Forschung in Netzwerken nimmt immer weiter zu und auch die Forschungsförderer haben die Wichtigkeit solcher interdisziplinären Ansätze erkannt. Leider sind jedoch Förderformate oftmals zeitlich sehr begrenzt, sodass mühsam aufgebaute Netzwerkstrukturen trotz evidenter Erfolge wegen mangelnder Finanzierung dann wieder auseinanderfallen. Hier braucht es innovative nachhaltige Förderstrategien, die jedoch nicht starr sein dürfen, sondern auch weiterhin Flexibilität erlauben müssen.

Herr Prof. Ludwig wir danken Ihnen vielmals für das Gespräch!

 

Interview: Dr. Dana Thal i. A. für die Nationale Forschungsplattform für Zoonosen

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