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Raus aus der Filter­blase: Wissenschafts­kommunikation muss sich sensiblen Themen und sozialen Medien stellen

Workshop der Zoonosenplattform und der TMF eröffnet viele Perspektiven auf aktuelle Heraus­forderungen der Wissenschafts­kommunikation

29.11.2017. Die Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse steht angesichts der Umwälzung des öffentlichen Diskurses durch die sozialen Medien vor enormen Herausforderungen. Dabei sind nicht nur Kommunikationskonzepte für den Krisenfall und Kommunikationsbereitschaft, sondern insbesondere auch die Fähigkeit zuzuhören heute mehr denn je gefordert. Dies wurde in den Diskussionen des Workshops „Schweigen ist Silber, reden ist Gold − Sensible Themen richtig kommunizieren“ deutlich, der am 14. und 15. November 2017 in Münster stattfand.

An dem Workshop, der von der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe Wissenschaftskommunikation der TMF veranstaltet wurde, nahmen neben Wissenschaftlern und Kommunikatoren auch Journalisten und Ministeriumsverteter teil. Dass die sozialen Medien Realität sind und die Wissenschaftskommunikation sich diesen neuen Kanälen öffnen muss, um Fake News und alternativen Fakten sachlich zu begegnen, wurde während des Workshops intensiv erörtert.

 

„Make friends before you need them“

Insbesondere die Kommunikation zu sensiblen Themen, beispielsweise Tierversuche in der Grundlagenforschung oder Impfungen, erfordern heutzutage das ganze Geschick von Kommunikatoren und Wissenschaftlern, die sich zu ihrer Arbeit äußern. „Bestenfalls hilft eine transparente Kommunikation schon für die Prävention einer Krise“, erläuterte Josef Zens (Deutsches GeoForschungsZentrum Potsdam, GFZ), der als Moderator durch die zwei Workshoptage führte.

Auch innerhalb der Institution sollte eine Selbstreflexion gewährleistet sein. „Wer im Alltag mit sensiblen Themen zu tun hat, muss eine eigene Kultur finden und diese intern sicherstellen. Dazu gehört auch, über Ethik zu reden“, berichtete Zens aus seinen Erfahrungen. Dabei sollte die Logik der Öffentlichkeit mit der Logik der eigenen Forscher in Einklang gebracht werden. „Eine Selbstreflexion, die lautet ‚Ich bin doch der Gute‘ greift zu kurz.“, so Zens, „Gesellschaftliche Ansprüche müssen antizipiert und beobachtet werden.“

Transparente Kommunikation nicht erst in der Krise

„Kommunikation bitte nicht erst in der Krise“ war auch das Credo von Dr. Christina Beck (Max-Planck-Gesellschaft, München), die aus ihren Erfahrungen mit Krisen berichtete, die sie im Zusammenhang mit Tierversuchen erlebte. Dies bedeutet für die Wissenschaftskommunikation im Einzelnen, frühzeitig über die eigene Arbeit zu informieren, eine Community aufzubauen sowie eigene Beziehungen zu Journalisten und Medien herzustellen.

Das Beispiel der Tierversuche spielte im Workshop eine große Rolle. Tierversuche werden in der Gesellschaft vermehrt kritisch betrachtet, wobei die Wissenschaft in den letzten Jahren gelernt hat, ihre Versäumnisse in der Kommunikation aufzuarbeiten und mit Initiativen wie Tierversuche verstehen oder dem Themenportal Tierversuche der Max-Planck-Gesellschaft möglichst umfassend und transparent aufzuklären und in Dialog zu treten. „Wir müssen in die Filterblase piksen, uns zeigen und uns in Diskussionen einmischen“, forderte Dr. Roman Stilling (Initiative „Tierversuche verstehen“, Münster) die Workshopteilnehmer auf. Damit Debatten um kritische Themen wie Tierversuche nicht in die Schieflage geraten und sachlich geführt werden, dürfe das Feld der Kommunikation nicht nur den anderen überlassen werden.

Der Einsatz von sozialen Medien in der Gesundheitskommunikation stärkt die Fähigkeit zuzuhören

„Wir müssen raus aus der Filterblase und einen wirklichen Dialog mit der Öffentlichkeit führen. Dazu gehört auch das Zuhören“, erklärte Beatrice Lugger (Nationales Institut für Wissenschaftskommunikation, NaWik). Dies helfe, die Kontexte und Weltsichten der Community und der Kritiker zu verstehen und die Wahrnehmung für gesellschaftliche Ängste zu schärfen. „Wir dürfen nicht nur einladen, sondern müssen hingehen. Dazu gehört ein Zuhören auf Augenhöhe, kritische Stimmen ernst zu nehmen, und das Bilden von Communities und Netzwerken innerhalb und außerhalb der Wissenschaft“, so Lugger.

„Die Gesundheitskommunikation versagt darin, Menschen zuzuhören und ihre Bedürfnisse, Erwartungen, ihren Wissensstand oder Einstellungen zu erkennen und zu verstehen. Dies beeinträchtigt nicht nur effektive Kommunikation, sondern kann auch zu generellem Misstrauen gegenüber der eigenen Organisation führen“, hielt Caroline Daamen (European Center for Disease Prevention and Control, ECDC in Solna/Schweden) fest. Für Daamen ist der Einsatz sozialer Medien, insbesondere von Twitter, essentiell für gute Gesundheitskommunikation. Sie seien bereits Bestandteil des Diskurses, stärkten die eigene Fähigkeit zuzuhören und trügen dazu bei zu verstehen, worüber Zielgruppen und kritische Stimmen sprechen.

„Man darf nicht diejenigen vergessen, die nicht aktiv mitdiskutieren, sondern mitlesen. Damit bedeutet es schon sehr viel, als Institution in den sozialen Medien dabei zu sein und in Erscheinung zu treten“, gab Caroline Daamen in der Diskussion zu bedenken. Dabei erfüllten die sozialen Medien auch eine Radar-Funktion: An ihnen lassen sich Diskurse und kritische Themen beobachten.

Oberstes Gebot in der Krise: “Tell the truth and tell it quickly”

Entwickelt sich aus einem sensiblen Thema eine handfeste Krise, ist Schnelligkeit geboten. Insbesondere auf die Kommunikatoren kann eine Flut von Anfragen seitens der Medien und Behörden zukommen, auch die Bürger äußern ihre Empörung in sozialen Medien, per E-Mail und am Telefon.

Für diesen Ausnahmezustand sollte man gewappnet sein: Rollen und Aufgaben für den Krisenfall sollten im Vorfeld festgelegt werden. Die Berufung von Krisenstäben und die Festlegung abgestimmter und verbindlicher interner Melde- und Informationswege sollten schon vor der Krise erfolgt sein. Die Experten des Workshops empfahlen, auf negative Berichterstattung und Feedback schnell, transparent und faktenbasiert nach der Maßgabe „Tell the truth and tell it quickly“ zu antworten.

Die Medien können dabei zur Versachlichung von emotional geführten Debatten beitragen. „Wir haben in unserer Krise festgestellt, dass die Medien sehr sachlich berichtet haben“, sagte Christina Beck. Das Science Media Center Germany (SMC), das von Volker Stollorz vorgestellt wurde, kann dabei unterstützen. Das SMC erstellt unter anderem Fact Sheets zu aktuell diskutierten und relevanten Fragen in der Wissenschaft und vermittelt Experten an Journalisten.

„Krisen kann man üben“

Die Referenten des Workshops, die in ihrer Arbeit bereits durch Krisen gegangen sind, empfahlen den Teilnehmern verschiedene Maßnahmen, um sich auf den Krisenfall vorzubereiten:

  • Verfassen eines Krisenhandbuch mit internen Handlungsempfehlungen für den Krisenfall
  • Besetzung von Krisenstäben im Vorfeld Klassifizierung von Krisenlevels,
  • Erstellung einer Risiko-Matrix Krisenszenario-Training mit Funktionsträgern der eigenen Einrichtung
  • Sicherstellung einer funktionierenden internen Kommunikation und eines internen Selbstverständnisses

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