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Warnung vor Impfmüdigkeit

Grippe-Kongress: Präsident des Robert-Koch-Instituts und Wissenschaftler unterstreichen Gefahren-Potenzial

3. September 2012 Das Thema "Grippe" gehört momentan nicht zu den brennenden Problemen, die die täglichen Schlagzeilen beherrschen. Doch das kann sich schnell ändern – eine weltweite Epidemie mit Tausenden Toten kann jederzeit ausbrechen. Vor diesem Hintergrund warnte der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Prof. Dr. Reinhard Burger, am Montag (3. September) an der Universität Münster vor einer "Impfmüdigkeit" in der Bevölkerung. "Man könnte sonst auch sagen, wenn's nicht gebrannt hat, war die Feuerversicherung eine dumme Ausgabe", sagte er im Hinblick auf die Stimmung nach der sogenannten Schweine-Grippe 2009/10, die in der Wahrnehmung vieler Menschen entgegen den vorherigen Warnungen relativ mild verlaufen war. Kritiker hatten die von Experten empfohlenen Impfungen abgelehnt oder im Nachhinein als überflüssig betrachtet. "Die Influenza hat ein permanentes Bedrohungs-Potenzial", unterstrich Reinhard Burger.

"Influenza-Viren machen weder an geografischen Grenzen noch an Zuständigkeitsbereichen Halt", ergänzte Prof. Dr. Stephan Ludwig, Leiter des Instituts für Molekulare Virologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) und Leiter des "3rd International Influenza Meeting 2012" mit rund 270 Influenza-Forscher aus 24 Ländern an der WWU. Er wies darauf hin, dass jederzeit ein neues, hoch aggressives Influenza-Virus auftauchen könne und warnte "vor einer möglichlicherweise fatalen Nonchalance in der Bevölkerung". Dabei stünden nur wenige Medikamente zur Behandlung zur Verfügung, zudem sei das Problem der zunehmenden Resistenzen ungelöst. Für die Zukunft könnte ein Universal-Impfstoff Abhilfe schaffen, der gegen alle Grippeviren wirksam wäre und nicht in jeder Saison nachgeimpft werden müsste. Dafür gebe es bereits "vielversprechende Forschungsansätze".

Beim "Influenza Meeting" ist auch eine brisante Debatte zwischen Forschern und Verantwortlichen des Gesundheitssystems Thema. Dabei geht es um die Veröffentlichung zweier wissenschaftlicher Studien, aus denen hervorgeht, welche Veränderungen im Erbgut des Vogelgrippevirus H5N1 eine leichtere Übertragbarkeit dieses Virus' von einem Frettchen zum nächsten ermöglichen. Die Untersuchungen werden äußerst kritisch gesehen, da befürchtet wird, dass das in ihnen beschriebene Wissen für den Terrorismus mit Biowaffen missbraucht werden könnte. 

Die Autoren der mittlerweile in den renommierten Fachmagazinen "Science" und "Nature" veröffentlichten Studien sind Prof. Dr. Yoshihiro Kawaoka und  Prof. Dr. Ron Fouchier, zwei international führende Experten für Grippeviren. Beide nehmen an der Konferenz teil und halten dort Hauptvorträge. Ron Fouchier wies im Rahmen der Konferenz darauf hin, dass auch in der Natur jederzeit Viren auftauchen können, die die im Labor erzeugten Erbgutveränderungen tragen. "Daher sind solche Arbeiten Voraussetzung dafür, um Pandemien in Zukunft voraussagen zu können – etwas, was wir bislang noch nicht können", betonte Stephan Ludwig. "Wir Wissenschaftler sind uns bewusst, dass ein Spannungsfeld zwischen dem notwendigen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn und der Sorge der Bevölkerung existiert. Deshalb ist ein verantwortungsbewusster und offener Umgang mit der Problematik essenziell."

In Münster kommen Wissenschaftler aus Human- und Tiermedizin zusammen. Die Konferenz trägt dazu bei, die enge Zusammenarbeit von Forschern verschiedener Fachdisziplinen weiter zu stärken."Nur so können Fortschritte auf internationalem Niveau in der Influenzaforschung erzielt werden", erklärte Stephan Ludwig. Der Virologe ist Koordinator des bundesweiten Forschungsnetzwerks "FluResearchNet" und führend in der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen aktiv. Das "FluResearchNet", welches sich der Erforschung von Grippeviren widmet, und die Nationale Forschungsplattform für Zoonosen, die die Forschungen zu zwischen Tieren und Menschen übertragbaren Infektionskrankheiten vernetzt, sind Gastgeber der Konferenz. Das "FluResearchNet", das seit 2007 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, soll die führenden nationalen Influenzaforschungsgruppen auf unterschiedlichen Ebenen miteinander verknüpfen und so die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Human- und Veterinärmedizin fördern.

Das "3rd International Influenza Meeting 2012", das Reinhard Burger am gestrigen Sonntag eröffnet hat, deckt ein breites wissenschaftliches Spektrum ab, darunter die Themen "Influenza und die Lunge", "angeborene Immunität" und "Impfstoffe und antivirale Medikamente". Unter dem Motto "Getting prepared for the next outbreak" (Sich wappnen für den nächsten Ausbruch) läuft die Tagung noch bis Dienstag, 4. September.


Quelle: Presse- und Informationsstelle der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster


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